Home arrow Mathematik und Schönheit

RISPs

Rich Starting Points ins Pralle Leben

Mathematik und Schönheit




Dass unter Mathematikern bei der Beurteilung von Lösungswegen auch ästhestische Kriterien eine Rolle spielen, ist bekannt.  Verschiedene Lösungswege mögen zum gleichen Ziel kommen, dennoch gilt einer von ihren als der "Schönste". Wie sieht anders herum aus, gibt es eine mathematische Basis für ästhetisches Empfinden? Vertreter der unterschiedlichsten Berufszweige horchen an dieser Stelle auf, denn  die Kenntnis derartiger Formeln und ihrer Feinheiten käme für sie dem Stein der Weisen gleich. Neben Designern, Kunstkritikern, Städteplanern, Schönheitschirurgen und vielen anderen zeigen hier sich auch Juristen interessiert, müssen sie doch gelegentlich möglichst rational über den Kunstgehalt von Streitobjekten urteilen.








Leonardo da VinciLässt sich Schönheit messen oder durch Formeln erfassen?  Seit dem Altertum suchen Philosophen, Künstler Mathematiker nach perfekten Proportionen im menschlichen Körper und in der Architektur und erhofften sich in der Ergründung dieser Frage Wege zum Verständnis des Universums. Zu den berühmtesten Ansätzen in dieser Richtung gehört der sogenannte Goldene Schnitt, formuliert vom griechischen Mathematiker Hippasos von Metapont (500 v.Chr.). Hippasos entdeckte in dem Verhältnis der Kantenlänge zur Diagonale des Fünfecks die heute als Phi (φ) bezifferte  Zahl 0,6180339887498948482045 (nicht zu verwechseln mit der Kreiszahl Pi, π), mit der sich eine beliebige Strecke so aufteilen lässt, dass sich der kürzere Teil zum Längeren  so verhält wie die der Längere zur Gesamtstrecke. Diese innere Harmonie - erzeugt durch eine nicht als Bruch darstellbare Zahl -  würde Künstler, Naturwissenschaftler und Mystiker diverser Epochen über Jahrtausende hinweg beschäftigen. In der Tat hat die Zahl es in sich: verlängert man die Gesamtstrecke um das grössere Teilstück, stehen auch neue und alte Gesamtstrecke zur Alten wieder im selben Verhältnis - eine Selbstähnlichkeit, die auch in natürlichen Wachstumsprozessen findet. Die sogenannte Goldene Spirale etwa, deren Radius sich bei einer Drehung um 90 Grad um den Faktor Phi verschiebt, erzeugt Muster, die sich in der Natur in Schneckenhäusern oder Blattanordnungen beobachten lässt. Heute zählt der Goldene Schnitt zu den beliebtesten theoretischen Ansätzen bei der Operationsplanung in der kosmetischen Chirurgie. So heisst es beispielweise, in den Gesichtern von Catherine Deneuve oder Sophia Loren fänden sich Beispiele des Goldenen Schnittes.










An alternativen oder ergänzenden Vorschlägen zur universellen Harmonielehre des menschlichen Körpers mangelte es zu keiner Zeit. Marcus Vitruvius, Leonardo da Vinci, Michelangelo und Albrecht Dürer lieferten jeweils eigene Ansätze zu Proportionlehre von Gesicht und Körper, von denen sich bis heute einiges im westlichen Schönheitsdenken wiederfinden lässt. Zu den pouplärsten modernen Varianten zählt das sogenannte Waist to Hip Ratio (WHR), das Verhältnis zwischen Taillen- und Hüftumfang. zu dem auch die berühmten Idealmaße 90-60-90 (Brust-Taille-Hüfte) kompatibel sind. Als  optimal für die Damen gilt hier 0,7, für die Herren 0,9. Neues vom Goldenen Schnitt gab es kürzlich aus San Diego, Kalifornien, wo ein Team um die Psychologin Pamela Pallett zu abweichenden Ergebnissen gelangte. Bei der Untersuchung beurteilten Testpersonen Bildserien mit weiblichen Gesichtern, bei denen  denen der Augenabstand und die Distanz zwischen Augen und Mund leicht variierten. Am besten bewertet wurden dabei Gesichter, deren Augen-Mund Abstand 36% ihrer Gesamtlänge und deren Augenabstand 46% ihrer Breite betrug - Phi ist dabei also nicht im Spiel. Aus Australien vermeldet unterdessen der Mathematiker und Mediziner Gary Horndeski, er habe nach zehnjähriger Forschung ein neues Verfahren zur Modellierung der perfekten weiblichen Brust entwickelt. 








Über Schönheit streiten lässt es sich weiterhin wie eh und je - was zeigt, dass allen Bemühungen zum Trotz kaum greifbare Resultate vorliegen. Nicht vergessen werden sollte bei allem Enthusiasmus, dass Schönheitsideale von Kultur zu Kultur stark voneinander abweichen können und sich selbst innerhalb ein und derselben Kultur  immer wieder ändern. An der Elfenbeinküste etwa gelten traditionell Gesäßproportionen als attraktiv, die nach westlichen Kriterien als deutlich zu mächtig beurteilt würden. Durch den Einfluss westlicher Medien und den Erfolg ostafrikanischer Models ist dieses Ideal jedoch im Wandel. Wie schon Christian Morgenstern sagte: "Alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön".